1. Projektkontext und Zielsetzung
Im Rahmen der geplanten konservatorischen Maßnahmen an der stark geschädigten Mauer rechts des heutigen Eingangs zur Oberburg Dill wurde eine archäologische Untersuchung notwendig. Ziel war die Feststellung des Erhaltungszustandes des Mauerfundaments, die Erfassung der Bauphasen sowie die Dokumentation möglicher historischer Befunde, die für die Baugeschichte der Burg Dill relevant sind.
Die Maßnahme erfolgte auf Initiative der Ortsgemeinde Dill und der Verbandsgemeinde Kirchberg. Die archäologische Leitung lag bei Achim Schmidt und Lea Adams (GDKE). Unterstützt wurden sie durch Mario Quaer (Maschinenführer), Heiko Roth (VG Kirchberg) sowie drei Mitglieder des Freundeskreises Burg Dill. Gundolf Kurz, Kurt Kaiser, Harald Kamp und als Gast, Michael Hammes.
2. Methodik
Die Untersuchung erfolgte mittels mehrerer Schürfungen entlang der Westseite der Oberburg. Jede Schürfung wurde:
- stratigraphisch geöffnet,
- gereinigt,
- fotografisch dokumentiert,
- tachymetrisch eingemessen,
- und schriftlich protokolliert.
3. Ergebnisse der Schürfungen
3.1 Schürfungen vor der Mauer – Hinweise auf den historischen Zugang
Die ersten beiden Schürfungen legten den anstehenden Schieferfels frei, auf dem die baufällige Mauer gegründet ist. Bereits hier zeigte sich, dass die Mauer direkt auf den Fels aufgesetzt wurde.
Treppenförmige Felsabstufungen (Befund Nr. 3)
In der dritten Schürfung traten zwei treppenartige Abstufungen im Fels zutage, von Hand in den Schiefer eingearbeitet. Sie enden unmittelbar unter der Stützmauer und weisen auf eine historische Erschließungssituation hin.
Grube zum Ablöschen von Branntkalk
Etwa zwei Meter hinter Befund Nr. 3 wurde eine Grube zum Ablöschen von Branntkalk dokumentiert – ein eindeutiger Hinweis auf mittelalterliche Bautätigkeit.
Bestätigung des historischen Westzugangs (Befund Nr. 4)
Die vierte Schürfung erbrachte den wichtigsten Befund der ersten Grabungstage: Die Maueröffnung rechts des heutigen Eingangs ist halbrund bis auf den Fels ausgebaut. Zwischen den Mauerkanten wurde ein befestigter Weg aus Feldwacken freigelegt. Das historische Wegniveau liegt ca. 50 cm tiefer als der heutige Eingang.
Damit ist die Vermutung eines westseitigen historischen Zugangs zur Oberburg eindeutig bestätigt.
3.2 Schürfungen hinter der Mauer – neue Mauern und Schießscharten
Bereits nach 50 cm Tiefe wurde in der ersten rückwärtigen Schürfung eine zweite, deutlich stärkere Mauer mit einer Schießscharte freigelegt. Der Bagger hatte diese Stelle zufällig exakt getroffen.
In einem weiteren Bereich links vor der Mauer wurden Steinsetzungen entdeckt, die auf ein Gebäude oder einen Turm hindeuten könnten. Die Steine waren jedoch nachträglich und unfachmännisch aufgesetzt. 1,5 m daneben wurde eine zweite Schießscharte dokumentiert.
3.3 Tiefer liegende Befunde – eine umgestürzte Mauer (Befund Nr. 5)
In größerer Tiefe traten senkrecht stehende Schiefersteine auf. Archäologe Schmidt identifizierte dies als klassisches Schadensbild einer umgestürzten Mauer:
- ursprüngliche Mauerhöhe: ca. 4 m,
- Sturzrichtung: nach Süden,
- die ehemals waagerecht verbauten Steine stehen nun senkrecht.
3.4 Hinweise auf ein starkes Feuer – rote Erde und verbrannte Schiefersteine
Mit zunehmender Tiefe wurde die Erde intensiv rot, zahlreiche Schiefersteine waren blau verbrannt. Dies weist auf ein sehr starkes Feuer hin, das die Bausubstanz massiv geschädigt hat.
An der südlichen Wand wurde Schiefermauerwerk im Fischgrätmuster dokumentiert – ein typisches hochmittelalterliches Bauverfahren.
3.5 Der romanische Saalkellerbau
Bei 2,30 m Tiefe wurde der anstehende Fels erreicht. Erst jetzt wurde klar, dass die vermeintlichen Schießscharten ursprünglich Kellerfenster waren, nach unten abgeschrägt.
Damit ist der Befund eindeutig als romanischer Saalkellerbau anzusprechen.
Brandzerstörung des Oberbaus
In der nördlichen Ecke fanden sich zahlreiche glasierte Ofenkacheln. Die Kombination aus:
- roter Erde,
- verbranntem Boden,
- eingestürzten Schiefersteinen,
- und vollständig verschwundenem Holz
zeigt: Über dem Keller stand ein Fachwerkgebäude, das vollständig ausbrannte und in den Keller stürzte. Der Lehm des Fachwerks wurde durch die Hitze zu rotem Backstein umgewandelt.
Fundmaterial
- Keramikscherben (Schüsseln)
- zwei Hauer eines Wildschweins
- diverse Knochenreste
- eine Sichel
- zahlreiche Ofenkacheln
Bemerkenswert: Der Keller war vor dem Brand sorgfältig aufgeräumt.
3.6 Erweiterte Grabungen – Maße des Kellers und weitere Befunde
Die Grube wurde nach Norden erweitert. Nur 50 cm hinter der alten Schürfung wurde die dritte Mauer freigelegt, erneut mit Fischgrätmuster.
Der Keller misst:
- Breite: 6,70 m
- freigelegte Länge: 3,90 m
Weitere Funde:
- zusätzliche Ofenkacheln
- ein Feuerbock aus Stahl, der im Kachelofen (offener Kamin) gestanden hatte
Die vierte Mauer wird in einer Entfernung von 14,70 m vermutet. Damit könnte der Keller Innenmaße von 6,70 × 14,70 m gehabt haben.
Eingang (Befund Nr. 6)
30 cm unter der Oberkante wurde eine große Schieferplatte freigelegt – offenbar der Eingang in das Gebäude.
Unklare Befunde (Nr. 7 und Nr. 8)
Die Steinsetzungen in Nr. 7 sind laienhaft und teilweise auf aufgefülltem Schieferbruch errichtet. Eine eindeutige Interpretation ist nicht möglich. Auch Befund Nr. 8 bleibt vorerst unklar.
Schieferstickung (Befund Nr. 9)
Auf dem Weg wurde eine Schieferstickung dokumentiert – eine historische Befestigung aus gesetzten Schiefersteinen.
4. Datierung und historische Einordnung
Mögliche Zerstörungsereignisse
- Balduin von Luxemburg (1329)
Belagerung und Unterwerfung der Burg Dill. Eine Zerstörung ist möglich, jedoch sprechen die Befunde für ein späteres, intensiveres Feuer.
- Dreißigjähriger Krieg (1618–1648)
Dill wurde vollständig zerstört, das Schloss brannte aus. Das Befundbild – ein ausgebranntes Fachwerkgebäude, das in den Keller stürzt – passt sehr gut zu den typischen Kriegszerstörungen dieser Zeit.
- Französische Truppen (1697)
Nach dem Frieden von Rijswijk wurden:
- Ringmauer gesprengt,
- Palas ausgebrannt,
- Innenbauten zerstört.
Auch hier wäre ein vollständiger Brand eines Gebäudes plausibel.
Archäologischer Zwischenstand
Die Kombination aus:
- extrem hoher Hitze,
- verbrannten Schiefersteinen,
- roter Lehmerde,
- und dem Einsturzbild
spricht am ehesten für eine Zerstörung im 17. Jahrhundert – entweder Dreißigjähriger Krieg oder französische Truppen 1697.
Eine endgültige Zuordnung ist erst nach Abschluss der Grabungen möglich.
5. Zusammenfassung
Die Grabungen auf der Oberburg Dill haben erstmals die Bauphasen, Zerstörungsereignisse und die historische Erschließungssituation der Westseite klar belegt. Der Nachweis eines romanischen Saalkellers, eines mittelalterlichen Westzugangs und die eindeutigen Spuren eines Großbrandes stellen bedeutende neue Erkenntnisse zur Bau- und Nutzungsgeschichte der Burg Dill dar.
6. Zeichnungen
7. Fotografien
Schürfung 1 – Freilegung des Felsfundaments
Schürfung 3 – Treppenförmige Felsabstufungen
Schürfung 4 – Feldwackenweg (historisches Niveau)
Schürfung 5 – Zweite Mauer mit Schießscharte
Schürfung 5b – Zweite Schießscharte
Schürfung 5c – Senkrecht stehende Steine (Einsturzbild)
Schürfung 5d – Fischgrätmauerwerk
Schürfung 5e – Kellerfenster (romanisch)
Schürfung 5f – Brandhorizont (rote Erde, verbrannte Steine)
Schürfung 5g – Feuerbock im Kachelofen
Schürfung 5h – Wand 3 mit Fischgrätmuster
Schürfung 5i – Schieferboden im Keller
Schürfung 6 – Bodenplatte (Nordzugang)
Schürfung 7 – Turm, Gebäude? Unklar
